In einem lesenswerten Gastbeitrag in der WELT kommentiert Ex-SPD-Chef Rudolf Scharping die aktuellen Ereignisse in seiner Partei. Hier die Highlights:
“Eine Koalition mit der Ex-SED ist ausgeschlossen. Das ergibt der nüchterne Vergleich von Programmen und Personen. Deutschland (…) bedarf vielleicht noch etwas mehr als andere der Stabilität und Berechenbarkeit. Stabil zu sein, berechenbar zu handeln und für andere Nationen verlässlich zu sein – das ist ein zentrales deutsches wie europäisches Interesse. (…) Jede Zusammenarbeit mit einem rückständigen und chaotischen Verein wie der Ex-SED schädigt die Interessen unserer Bürgerinnen und Bürger. (…) Es gibt kein einziges substanzielles Interesse unseres Landes, dem mit einer Beteiligung der sogenannten ‘Linken’ besser gedient wäre; im Gegenteil.”
Dabei räumt Scharping auf mit der Vorstellung, man könne mit der Linken auf Landesebene paktieren, auf Bundesebene aber gleichzeitig die Zusammenarbeit kategorisch ablehnen: “Was für Deutschland richtig ist, kann in den Ländern nicht grundlegend anders sein. (…) Im föderalen Staatsaufbau gibt es praktisch keine Entscheidung ohne die Mitwirkung der Länder, und umgekehrt.”
An Andrea Ypsilanti lässt er kein gutes Haar - und direkt auch an Kurt Beck nicht: “Eine Regierung auf ein derart morsches Fundament zu stellen ist bar jeder Verantwortung für das Land und wird die Sozialdemokratie schwer und dauerhaft schädigen. (…) Wer behauptet, das alles sei in Hessen anders, belügt bestenfalls sich selbst. Oder warum formuliert ausgerechnet Herr Gysi Bedingungen dafür, dass die sogenannte ‘Linke’ in Hessen Rot-Grün trägt? Welcher Narr hatte geglaubt, das gehe ohne ‘aktive Zusammenarbeit’?”
Als erste hochrangiger SPD-Politiker spricht Scharping aus, was keiner in der SPD bisher öffentlich eingestehen will: “Der Fall Hessen wird die SPD die Bundestagswahl kosten: Was Frau Ypsilanti in Hessen nicht gewinnen kann, wird die ganze SPD viel kosten – am Ende die Bundestagswahl.“
Weiter kommentiert Scharping die Situation in Hessen: “Trotzdem ist die SPD nicht stärkste Partei. CDU und FDP sind stärker als SPD und Grüne. Das mag nicht schmecken – die Suche nach Mehrheiten außerhalb gegebener Zusagen und außerhalb des stabilen und demokratischen Spektrums ist aber mehr als schlechter Geschmack.”
Und abschließend: “Dieser Tage werden langfristige, vielleicht historische Weichen gestellt. Die SPD verspielt gerade ihre strategischen Optionen. Das ist ein Fall für die Parteispitze – denn hier ist die ganze SPD betroffen, ihre Gestaltungsfähigkeit, ihre Glaubwürdigkeit, ihre Mehrheitsfähigkeit.”