Über Monate hinweg befanden sich Kurt Beck und die SPD kontinuierlich in der Defensive. Im Interview mit dem SPIEGEL geht Beck jetzt (vermeintlich) in die Offensive. Dabei übersieht er jedoch ein kleines Detail: Es war keineswegs eine übermäßig aggressive CDU, die der SPD in den letzten Monaten zugesetzt hat. Vielmehr sind die Probleme der SPD überwiegend hausgemacht - von dem Schlingerkurs gegenüber der Linkspartei bis hin zu inhaltlichen Dauerkonflikten zwischen den Parteiflügeln. Wenn Beck jetzt also zum Angriff gegen die Union bläst, ist das in erster Linie ein Ablenkungsmanöver.
Das zeigt sich dann auch in Art und Inhalt seiner Äußerungen:
“Gerade das schwarz-grüne Bündnis in Hamburg zeigt uns, dass wir es bei der CDU mit einem Gegner zu tun haben, der eiskalt Machtperspektiven sucht. Ohne jede Rücksicht auf Inhalte.”
Nun mag man bei der CDU in der Hansestadt tatsächlich eine ausgeprägte “inhaltliche Flexibilität” diagnostizieren. Aber immerhin hatte die Hamburger CDU bereits vor der Wahl ein klares Statement zu einer möglichen Koalition mit den Grünen abgegeben - statt wie die SPD in Hessen nach der Wahl eine zuvor kategorisch ausgeschlossene Koalitionsvariante zu verfolgen. Zudem wird niemand infragestellen, dass zwischen den GRÜNEN und der Linkspartei (der selbst die SPD die Regierungsfähigkeit auf Bundesebene abspricht) gewisse Unterschiede bestehen …
Viel wesentlicher aber ist noch, dass die SPD selbst im Kampf um Machtperspektiven kaum Rücksicht auf Inhalte nimmt: Zwischen der Agenda 2010 und dem, was die SPD-Linken in inhaltlichem Gleichklang mit der Linkspartei im Sinn haben, liegen Welten. Der einzige Grund, weshalb Kurt Beck diesen dauerhaften, fundamentalen Widerspruch nicht auflösen kann und will: Machterhalt. Nur durch den permanenten Spagat zwischen zwei im Grunde unvereinbaren Positionen bleibt die SPD eine Volkspartei.
Da wirkt es schon geradezu lächerlich, wenn Beck behauptet:
“Die CDU hat kein Konzept. Das gilt genauso für die CSU. Wir werden den Menschen klarmachen, dass, wer CDU/CSU wählt, nicht weiß, was er kriegt. Für einen großen Teil in der CDU gelten immer noch die neoliberalen Beschlüsse von Leipzig. Über das Wahlprogramm wird es innerhalb der Union einen Machtkampf geben.”
Auch wenn dies in Anbetracht der Hamburger Koalition und der Politik von Angela Merkel nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist: Die CDU hat sehr wohl ein klares Konzept - sie weiss nur nicht, wie offensiv sie dieses in der Öffentlichkeit vertreten kann, wenn sie Wahlen gewinnen will. (Was unter anderem der Linkspartei zu danken ist, aber auch Leuten wie Kurt Beck, die unreflektiert Begriffe wie “neoliberal” in diffamierender Absicht verwenden.)
Bezüglich der Bundestagswahl 2009 macht Beck eine Aussage, die auf den ersten Blick einfach nur realitätsfern klingt, bei genauerem Hinsehen jedoch zeigt, in welche Richtung die Überlegungen der SPD gehen:
“Ich sehe die realistische Chance, dass es 2009 ein Kopf-an-Kopf-Rennen geben wird.”
In Anbetracht der Umfragewerte kann Beck damit nie und nimmer ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen CDU und SPD gemeint haben - sehr wohl aber eines zwischen dem “bürgerlichen Lager” (CDU/CSU und FDP) und dem “linken Lager” (SPD, Grüne und Linkspartei). Während Union und SPD in den Umfragen zur Zeit rund 13 Prozent auseinanderliegen, kommen die beiden beschriebenen Lager auf jeweils gut 48 Prozent.
So kommentiert Beck denn auch weiter:
“Ich erwarte, dass gegen die SPD keine Regierung gebildet werden kann. (…) Fest steht, Schwarz-Gelb hat keine Mehrheit in Deutschland. Daher sind auch andere Konstellationen denkbar: Rot-Grün oder eine Ampel-Koalition.”
Nunja, auch das ist wohl mehr Wunschdenken: Nach einer Mehrheit für Rot-Grün sieht es nun wirklich nicht aus. Und eine Ampelkoalition ist inhaltlich kaum wahrscheinlicher als eine Jamaika-Koalition. Einiges spricht dafür, dass im nächsten Herbst auf Bundesebene eine Situation eintritt, wie wir sie derzeit in Hessen beobachten. Am wahrscheinlichsten ist dann wieder eine Große Koalition mit der SPD als “geschrumpfter” Junior-Partner.
Als Alternative bleibt der SPD nur die Entscheidung, sich entweder in Richtung FDP oder in Richtung Linkspartei zu bewegen. Beides wird eine klare inhaltliche Positionierung erzwingen und Stimmen am jeweils anderen Ende des politischen Spektrums kosten. Was sie auch tut, die SPD kann nur verlieren.