2008
29
Jun
Der Umgang der Medien mit Kurt Beck
Vorwürfe, die deutschen Medien hätten sich auf die SPD im Allgemeinen und Kurt Beck im Besonderen eingeschossen, waren in den letzten Wochen immer mal wieder zu hören. Mit einem besonders peinlichen Artikel hat sich “SPD-Versteher” Hans-Ulrich Jörges jetzt erneut im stern hervorgetan. Die FAZ bezeichnet die Thesen von Jörges als “verlogen regressive Verschwörungstheorie” und geht mit dem Stern-Autor hart ins Gericht.
In geradezu chirurgischer Präzision zerlegt der FAZ-Artikel die Kritik an der vermeintlichen SPD-Hetze und erinnert dabei insbesondere an den anfänglich äußerst wohlwollenden Umgang der Medien mit Kurt Beck:
“Kurt Becks Anfang als SPD-Chef wohnte ein medialer Zauber inne. (…) In jener Anfangszeit lautete der Tenor der zahllosen Porträts in Spiegel, Stern und allen Tages- und Wochenzeitungen, mit Beck könne die SPD jene Volksnähe zurückgewinnen, die in der Agenda-Zeit verlorengegangen war. Kurt Beck ist außerdem sehr nett, das lässt, zumal nach dem Mackerton der rotgrünen Jahre, kein Journalistenherz kalt. (…)
Menschen sind geduldig und Journalisten, genau genommen ja auch Menschen, offenbar noch geduldiger: Mangelnde Neugier, mangelnde Englischkenntnisse und wenig Charisma wären zwar drei gute Gründe, einen Bewerber auf einen Redakteursposten abzulehnen, nicht aber den SPD-Chef. (…)
Bei allen Vorbehalten, die sich in Bezug auf seine Kreativität und sein Charisma ergaben, wurden Kurt Beck seine Aufrichtigkeit, Zuverlässigkeit und im besten alten Wortsinn seine Biederkeit hoch angerechnet. (…)”
Wobei die FAZ den Kollegen in den Medien allerdings gleich im Nachgang eine etwas verzerrte Haltung zur Volkstümlichkeit vorwirrft:
“In Wahrheit trauten sich die Journalisten selbst nicht über den Weg und kamen sich, wo sie Beck unterkomplex fanden, vor wie der Stadtneurotiker, der beim Dorffest allergisch rumniest und nach Sushi verlangt, während der Landesvater unter dem Jubel des Publikums in der Schüssel nach den Schweineschnauzen langt. (…)
Die ganze Debatte leidet unter jenem grassierenden Elitevorbehalt, der auch die amerikanische Politik so lange prägte und unter George Bush fatale Auswüchse trieb: Plötzlich galten Logik sowie Volvo, Evian und Apple-Computer, als dekadentes Hobby einer linken Schickeria, und wer in der Politik überleben wollte, musste sich extra dumpf und elementar geben.”
Entscheidend ist aber letztlich, wann und aus welchem Grund die Sympathie der Medien für Beck schwanden:
“Wahrhaftigkeit ist immer noch das größte Kapital eines Kandidaten, und Beck hat es mit seinem Manöver vor der Hamburgwahl verspielt. Eine Öffnung zur Linkspartei, in einer großen Rede dargelegt und dem Votum eines Parteitags unterbreitet, wäre weniger desaströs gewesen als dieser nächtens angetestete Spurwechsel. Zu einem Geisterfahrer steigt man nicht ins Auto, ob er nun aus der Pfalz oder vom Mond kommt.”
Und hier trifft die FAZ den Nagel auf den Kopf: Ein Politiker, der vor allem authentisch und glaubwürdig wirkt und diesen Ruf dann grob fahrlässig verspielt, verscherzt es sich eben nicht nur beim Wähler nachhaltig sondern auch bei den Medienvertretern. Insofern gibt es vor allem einen Hauptverantwortlichen für den Ansehensverlust von Kurt Beck - und das ist niemand anderer als Kurt Beck selbst.
Zumindest mitverantwortlich ist jedoch die SPD-Parteiführung:
“Die endgültige Verantwortung für dieses Desaster trägt (…) die Führung der SPD, die einen erfolgreichen Ministerpräsidenten nie für die kurzfristige Lösung eines Personalproblems auf Bundesebene hätte verfeuern dürfen. So ist es sicher auch als Ausdruck des schlechten Gewissens zu werten, wenn von dort die schärfsten Angriffe auf den Rudeljournalismus kommen. Nun aber wie Wolfgang Thierse im Interview mit dem Deutschlandradio zu behaupten, es gebe in Deutschland eine ‘Meinungsführerschaft’, und zwar der ‘Springer-Presse‘, ist ein Zeichen für den dort immer noch grassierenden Wahnsinn.”
Da kommt einem unweigerlich eine Formulierung in den Sinn, die der ansonsten eher zurückhaltende Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt einmal in Bezug auf seine Partei verwandt hat: Sauhaufen.

