2008
10
Aug
Helmut Schmidt: Es geht nicht ohne Atomkraftwerke
In der ganzen Aufregung um den Parteiausschluss Wolfgang Clements ist eine Schlagzeile untergegagen, die für die SPD nicht minder brisant sein dürfte: Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt glaubt, dass Deutschland weiterhin Atomkraftwerke braucht - und dass die SPD dies früher oder später einsehen wird.
Wolfgang Clement hat im hessischen Landtagswahlkampf indirekt von der Wahl der SPD abgeraten - weil die hessische SPD eine völlig illusionäre Energiepolitik vertritt. Nun ist Wolfgang Clement nicht nur ein streitbarer, sondern auch ein umstrittener Kopf in der SPD. Wenn die SPD nun über einen Parteiausschluss nachdenkt, so mag dies durchaus Proteste auslösen, ist aber immer noch ein gangbarer Weg, um einer inhaltlichen Diskussion aus dem Weg zu gehen.
Wenn Helmut Schmidt hingegen öffentlich auf Konfrontationskurs zur offiziellen Energiepolitik seiner Partei geht, ist das für die SPD weit schwieriger zu ignorieren. Im Interview mit der ZEIT (deren Herausgeber Schmidt auch ist) ließ der Ex-Bundeskanzler keinen Zweifel an seinen Positionen:
“Ich finde es erstaunlich, dass unter allen großen Industriestaaten der Welt - von den USA bis China, Japan und Russland - die Deutschen die Einzigen sind, die glauben, sie könnten ohne Kernkraft auskommen. Wir haben praktisch unseren Kohlebergbau aufgegeben, wir haben so gut wie kein Öl in unserem Boden, auch nicht vor unseren Küsten. Deshalb liegt es nahe, dass Deutschland einen Teil seiner Energie aus Kernkraft bezieht. Natürlich hat Kernkraft ihre Risiken. Es gibt aber keine Energie und nichts auf der Welt ohne Risiken, nicht einmal die Liebe.”
Zur ungeklärten Frage der Endlagerung atomarer Brennstäbe gibt Schmidt zu bedenken:
“Die große Mehrheit aller Staaten der Welt, aller Parlamente und Regierungen der Welt ist zu dem Ergebnis gekommen, dass dieses Risiko ethisch vertretbar sei. Ich wundere mich darüber, dass allein Deutschland zu einem anderen Ergebnis kommen möchte.”
Eine Änderung in der Haltung seiner Partei zur Atomkraft hält Schmidt für “im Augenblick nicht dringend notwendig, aber irgendwann wird sie kommen”.

