2008
29
Mrz
Andrea Ypsilanti: Mit den Linken regieren - aus der Opposition
Grund für die Einberufung des heutigen Landesparteitags der Hessen-SPD war ursprünglich, die geplante rot-grüne Minderheitsregierung mit Duldung der Linken von der Basis absegnen zu lassen. Nachdem Ypsilantis diesbezügliches Experiment nach massiver öffentlicher Kritik, der Gewissensentscheidung der Abgeordneten Dagmar Metzer und letzlich der Distanzierung der Bundes-SPD gescheitert ist, geht es heute um eine Variante “durch die Hintertür”:
Andrea Ypsilanti will zusammen mit Grünen und den Linken aus der Opposition heraus regieren. Mit diesem Vehikel sollen im hessischen Landesparlament gemeinsame Themen auf die Agenda gesetzt und verabschiedet werden.
In ihrer knapp einstündigen Rede betonte Ypsilanti, sie sehe keinen Grund, ihre politischen Ziele aufzugeben. Sie verstehe den “Sturm der Entrüstung” nicht, erklärt sich diesen daraus, dass viele “um ihre Besitzstände fürchten”. “Angriffe” kämen nicht nur vom politischen Gegner, sondern auch aus den Medien - und aus der eigenen Partei. Innerparteiliche Kritik schmettert sie ab: “Manchmal habe ich das Gefühl, dass das Gesamtbild der Partei besser aussehen würde, wenn sich einige zurückgehalten oder besser geschwiegen hätten.”
Routinemäßig hackt Ypsilanti nicht nur auf der CDU und Roland Koch herum, sondern polemisiert auch gegen die hessische FDP, die - so Ypsilanti - “schmollt und rumzickt”, weil sie mit “Amigo Koch” nicht mehr regieren kann. Die SPD müsse sich nicht “vorwerfen lassen, dass sie es nicht ernsthaft versucht habe”. (Anmerkung: Es kann gar nicht oft genug wiederholt werden: Die von der hessischen SPD vertretenen Inhalte stehen in diametralem Widerspruch zum Programm der FDP. Die SPD hat deswegen auch nicht erst ernsthaft versucht, mit der FDP über eine Zusammenarbeit zu reden, sondern diese lediglich als Feigenblatt für das missbraucht, was inhaltlich wunderbar zusammenpasst, aber auf massive Akzeptanzprobleme stößt - nämlich die Zusammenarbeit mit der Linkspartei.) In diesem Zusammenhang ist es auch geradezu lächerlich, wenn Ypsilanti in Anspielung auf die sozialliberale Koalition in den 70er Jahren behauptet: “Das war eine andere FDP”. Vor allem war es damals nämlich eine andere SPD.
Dass die Wahlerfolge der hessischen SPD ganz wesentlich handwerklichen Fehlern der Regierung Koch (z.B. bei der Schulreform) und einem selbst für bürgerliche Kreise kaum erträglichen Wahlkampfstil der CDU geschuldet sind, lässt Ypsilanti komplett unter den Tisch fallen. Statt dessen sieht sie im Wahlergebnis ein klares Mandat für die von ihr vertretenen, linken Positionen. Ihr Credo lautet: “Wir haben in der Mitte der Gesellschaft überzeugt.” Und im Hinblick auf die Bundes-SPD: “Wir wissen, wo die Mitte ist.” Einige in der Bundespartei wüßten das wohl nicht so gut.
Zwar sei die Entscheidung für eine von den Linken unterstützte rot-grüne Minderheitsregierung eine “ganz schwierige Abwägung” gewesen, aber schließlich sei die SPD “in allererster Linie für Inhalte gewählt worden und nicht für Koalitionsaussagen”. Insofern steht sie zu ihrer Entscheidung (vulgo: Wortbruch), an den inhaltlichen Zielen festzuhalten und eine rot-grüne Minderheitsregierung mit Duldung der Linkspartei anzustreben.
Zunächst werde man notgedrungen jedoch den Weg gehen, aus der Opposition heraus zu regieren. Mit anderen Worten: Ypsilanti stellt sich am 5. April nicht zur Wahl als Ministerpräsidentin, weicht aber inhaltlich keinen Millimeter von ihrem Kurs ab, mit Unterstützung der Linken zu regieren. Sie erwartet, dass das ein “steiniger Weg” werde und fordert schon einmal vorsorglich die CDU auf, als geschäftsführende Landesregierung “keine Blockadehaltung” einzunehmen.
Auch wenn dies aktuell kein Thema sei - zu “gegebener Zeit” wolle sie in einem weiteren Anlauf eine (von den Linken unterstützte) Minderheitenregierung mit den Grünen anstreben. Eine große Koalition und Jamaika seien keine Optionen für Hessen - dann schon eher Neuwahlen, von denen Ypsilanti sich sogar eine Stärkung der SPD verspricht: “Auch wenn wir sie nicht wollen, wir brauchen keine Angst zu haben vor Neuwahlen.”
In jedem Fall wähnt sich Ypsilanti inhaltlich auf dem richtigen Weg - und glaubt sogar an die Rückendeckung nicht nur in der eigenen Partei, sondern in der Bevölkerung: “Ich bin überzeugt, dass die meisten Wähler akzeptieren, dass wir mit den Linken sprechen.”
Damit ist klar: Die hessische SPD geht nicht nur ihren eigenen Weg, sie geht auch auf (inhaltlichen) Konfrontationskurs zur Bundes-SPD. Der tosende Applaus, den Ypsilanti am Ende ihrer Rede bekommt, macht deutlich, dass die Basis in Hessen noch gar nicht verstanden hat, wie gefährlich dies für die SPD als Ganzes werden kann.
Nachtrag: Der Leitantrag, der eine Zusammenarbeit der hessischen SPD mit der Linkspartei aus der Opposition heraus fordert, wurde von den Delegierten mit großer Mehrheit angenommen.

